Die Theodizee-Wut

Heute hatte ich einen meiner „Ich hasse dich, Gott!“-Momente. Ja, ich habe solche Momente und ich bin wirklich nicht stolz darauf…

Wie kam es dazu? Ich setzte mich ans Klavier, um zu singen. Die letzten Tage war meine Stimme, wenn ich versuchte zu singen, etwas besser gewesen. Und heute funktionierte sie wieder mal einfach gar nicht.

Da wurde ich echt wütend. Und aggressiv. Ich hätte am liebsten irgendwas zerschlagen. Ich war einfach sauer. Auf Gott.

Klar, wegen meiner Stimme. Denn, wenn er schon zulässt, dass sie nicht mehr funktioniert, dann soll er doch wenigstens die Sehnsucht in mir wegnehmen, die danach schreit zu singen. Und zwar so richtig zu singen – wie früher eben. Wie das Früher, von dem ich mir mittlerweile unsicher bin, ob es das überhaupt jemals gab, oder ob ich es mir nur einbilde.

Und ich war wütend darüber, wie Gott so grausam sein kann. Nicht nur, dass er meinen Schmerz und meine Krankheit zulässt, sondern auch alles andere Leid und Elend auf der Welt. Schmerz und Leid, das meinen Verstand übersteigt.

Wie z.B. in Jemen, auf dem Mittelmeer, in den Flüchtlingslagern, oder oder oder. Die Fotos aus den Nachrichten kamen mir in den Kopf.

Wie kann ein Gott, der einen Funken Liebe für die Menschen hat, so etwas zulassen?

Und damit war ich bei einem zentralen Thema der Menschheit gelandet. Nämlich die Frage: „Warum lässt Gott Leid zu?“ In Fachkreisen wird sie auch „Theodizee-Frage“ genannt.

Hiob

In letzter Zeit beschäftigte mich das Buch Hiob in der Bibel. Denn da dreht sich alles genau um diese Frage. Diese Frage beschäftigt die Menschheit also schon seit Jahrtausenden! Und obwohl dieses Buch schon so alt ist, konnte ich mir doch einiges aus daraus mitnehmen – gerade für meine Situation.

Nur um einen minimalen Überblick zu verschaffen: Wir kennen Hiob durch den Begriff „Hiobsbotschaft“. Das liegt daran, dass Hiob innerhalb kürzester Zeit alles verliert, was er besitzt. Erst sein Vermögen, dann seine Kinder und zuletzt auch seine Gesundheit. Selbst seine Frau wendet sich von ihm ab, nachdem er weiter an Gott festhalten will. Er ist also der Inbegriff von schlechten Botschaften.

Das Buch enthält viele Reden von Hiob. Er klagt Gott an und fragt nach dem Warum. Und es enthält Reden und Antworten von seinen Freunden, die mit ihm trauern und versuchen auf Hiobs Fragen (mehr schlecht als recht) einzugehen.

Und ganz am Ende kommt Gott ins Spiel. Er spricht selbst.

Und genau hier beginnt für mich der entscheidende Punkt des Buches, der mir eine kleine Erleuchtung gebracht hat.

Gott

In diesen letzten Kapiteln antwortet Gott Hiob. Er begegnet ihm. Aber er BEantwortet Hiobs Fragen nicht. Gott sagt Hiob nicht, warum er leiden musste und ob das Leid verdient war, oder nicht. Darüber schweigt er. Aber er stellt sich Hiob vor.

Nach der Antwort Gottes erleben wir einen Hiob, der einen anderen Blick auf sich selbst und auf das Leben bekommt. Offensichtlich sind dann die Fragen nach dem Warum nicht mehr so wichtig, nicht mehr im Vordergrund.

DAS war genau der springende Punkt, den ich aus diesem Buch lernen und mitnehmen konnte. Ich werde sehr selten oder nie eine Antwort auf meine Warum-Fragen bekommen. Zumindest in diesem Leben. Und dass sowohl „gute“ wie „schlechte“ Menschen leiden, muss mir ja keiner mehr erzählen.

Aber was ich brauche, was mir hilft mit dem Leid dieser Welt umzugehen, was meinen Blickwinkel ändern kann, ist eine Begegnung mit Gott.
Eine Vorstellung Gottes. Und ich glaube, dass diese Vorstellung Gottes Jesus ist. Jesus war auf dieser Welt, um uns Gott zu zeigen, um uns Gott vorzustellen und um uns die Begegnung mit ihm zu ermöglichen.

An einer anderen Stelle in der Bibel steht, dass Jesus (und somit auch Gott) „zutiefst barmherzig und voller Mitgefühl“ ist. Ich weiß, dass es zumindest für mich enorm wichtig ist, diese Barmherzigkeit und das Mitgefühl Gottes zu spüren.

Und das kann ich erleben, wenn ich ihm begegne und er sich mir immer wieder neu vorstellt – zusammen mit seiner Liebe und seinem Frieden.

Gottesbegegnung

Gottesbegegnung. Puh – ein echt fancy Thema! Ich hätte nie gedacht, dass ich darüber hier schreibe. Trotzdem will ich versuchen, von meinen Erfahrungen zu berichten.

Ich glaube, dass jeder von uns Gott auf unterschiedlichste Art und Weise begegnen kann. Das kann in der Natur sein, beim Sport machen, beim Musik hören, beim Lesen, bei einem Gespräch mit anderen, beim Kreativ sein… Die Möglichkeiten sind schier unendlich.

Da läuft man vor sich hin und ist auf einmal überwältigt von der Schönheit und Größe der Natur. Da sitzt man in der Badewanne und nimmt plötzlich zum ersten Mal seit Langem die Konsistenz des Wassers intensiv wahr – es umhüllt mich, der Duft und die Wärme lassen mich in diesem Moment ganz geborgen fühlen…

Aber es gibt noch eine andere Möglichkeit, die weniger von äußeren Begebenheiten abhängig ist. Und die möchte ich euch ein bisschen genauer vorstellen. Sie wurde und wird viel von Mystikern aus allen Zeiten benutzt und hat viel mit Achtsamkeit und Stille zu tun.

Ich habe mich in letzter Zeit mit Theresa von Avila befasst.

Eine Nonne aus dem Spanien des 16. Jahrhunderts. Eine sehr weise Frau und ihrer Zeit weit voraus. Theresa war eine Mystikerin, so wie viele andere Heilige der katholischen Kirche vor und nach ihr. Sie schreibt von einem besonderen Ort in uns, in unserem Herzen oder unserer Seele.

Theresa nennt diesen inneren Ort Seelenburg.

In der Bibel können wir lesen, dass Gott Wohnung in uns nimmt und der Geist Gottes uns erfüllt. Darauf greift Theresa zurück.

Wenn es einen Ort in uns gibt, in dem Gott wohnt, dann ist das ein Ort, zu dem nur Gott Zugang hat – und wir selbst. Ein heiliger geheimer Ort, der absolute Sicherheit, Zuflucht und Schutz für unser Ich bietet. Denn dort sind wir von Gott unendlich geliebt und angenommen. Keinerlei bedrückende Ängste, Zweifel, Verurteilung und Hass haben hier Raum.

Viele Mystiker beschreiben, dass man lernen kann, Zugang zu dieser Seelenburg zu bekommen, um Begegnungen mit Gott an diesem sicheren heiligen Ort zu haben. Diese Begegnungen sind natürlich nicht erzwingbar oder machbar, aber man kann trotzdem durch Achtsamkeit und Stille leichter Zugang zu diesem inneren Ort des Friedens finden.

Z.B. durch ganz bewusstes Ein- und Ausatmen. Um dabei zur Ruhe zu kommen. Einfach nur da sein, die Gedanken vorbeiziehen lassen. Offen sein für Gott. Oder man kann auch immer wieder ein kurzes offenes Gebet wiederholen, wie z.B. beim Einatmen „Jesus Christus,“ und beim Ausatmen „erbarme dich meiner.“ Das ist das sog. Herzensgebet.

Wenn wir dann eine tiefe Ruhe und eine tiefe Liebe wahrnehmen, geht das über unsere Unruhe und unsere aufwühlenden Emotionen hinaus. Wir fühlen uns angekommen bei Gott. Solche Begegnungen können immer wieder helfen, in Situationen, in denen wir uns getrieben fühlen, Zuversicht und Frieden zu bekommen.

Vielleicht bist du ja inspiriert die Sache mal auszuprobieren. 🙂

Zurück zum Warum

Und jetzt nochmal zurück zu den unbeantworteten Fragen.
Die große Frage ist: Wie kann Gott so grausam sein?

Wie gesagt, ich glaube nicht, dass wir in diesem Leben eine Antwort auf diese Frage bekommen. Mir ist nur letzthin ein Gedanke gekommen. Und er begann, um ehrlich zu sein, damit, dass es mich innerlich aufregte, wenn Menschen, die von Operationen, schweren Diagnosen o.ä. erfuhren, sagten, dass Gott gut sei, dass sie beten würden und dass er alles gut machen würde.

Versteht mich nicht falsch. Ich mag diese Menschen und ich weiß auch, dass sie es wirklich lieb und ernst meinen. Und ich bin dankbar und ich freue mich über jeden, der für mich oder andere betet.

Und ich glaube ja an sich auch, dass Gott gut ist. Bzw. will ich es glauben. Auch, wenn ich es manchmal nicht sehen kann. Ich glaube auch, dass Gott aus solchen Situationen etwas Gutes entstehen lassen kann. Aber diese Situationen an sich sind nicht gut. Sie sind einfach scheiße.
Krebs und Schmerzen sind zum Kotzen.
Der Tod, der Abschied, die Trauer sind zum Kotzen.
Echter Hunger und Durst sind zum Kotzen.
Ungerechtigkeit ist zum Kotzen.
Depression ist zum Kotzen.
Autoimmunkrankheiten sind zum Kotzen…
Daran wird auch niemals etwas Gutes zu finden sein.
Und das muss manchmal einfach so stehen bleiben.

Da wirkt ein „Gott ist gut und alles wird gut“ eben so, als ob die Schlechtigkeit der Situation nicht ernst genommen oder heruntergespielt wird.

Genauso, wie kein Mensch zu jemandem sagen würde, der sich gerade einen Finger abgesägt hat: „Die Welt ist so schön!“ Auch, wenn das an sich stimmt. Trotzdem wäre diese Aussage in solch einer Situation einfach pietätlos.

Auf der anderen Seite wird aber von genau denselben Menschen oft betont, dass Gott zwar die Liebe und gut ist, dass er aber auch zornig werden kann und gerecht ist und manchmal Sünde bestraft.

Heute in meiner Wut, durch die so manches in mir hochkam, überlegte ich mir folgendes: Werden da eventuell genau die Eigenschaften Gottes, die er vielleicht tatsächlich hat, im falschen Moment gesehen?!

Ich glaube, dass Gott gemeinsam mit uns wütend und zornig ist, dass er mit uns weint und „warum?“ schreit, wenn wir Leid und Schmerz und Tod erleben! Und ich glaube, dass Gott gut, gnädig und voller Erbarmen ist, wenn wir Fehler machen und Schuld auf uns laden!

Matthias Drobinski hat in der Süddeutschen Zeitung einen unglaublich guten Artikel zu diesem Thema geschrieben. Folgender Satz bringt alles auf den Punkt:

Der gnädige Gott ist für ihn [Martin Luther] der gekreuzigte, leidende Gott, grausamstmöglich hingerichtet und erniedrigt, aller Menschenwürde beraubt. Es ist der Gott an der Seite der Krepierenden, Ertrinkenden, Krebszerfressenen und Bombenzerfetzten, der keine menschenverständliche Antwort hat, außer vielleicht: verdammte Scheiße.

Den kompletten Artikel, den ich euch sehr ans Herz lege, könnt ihr hier lesen.

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